Stress and the art of Minsk maintenance

Geschrieben von admin am 18. Mai 2010

Nein Betsy! Nicht schon wieder! Warum tust du mir das an? Ich war doch immer gut zu dir! Komm schon, du gottverdammte Hure! (Auszug aus einem sich täglich mehrmals wiederholenden Gespräch)

Betsy ist 53 Jahre alt. Wir trafen sie gemeinsam mit ihrer 40 Jahre jüngeren Cousine Juanita in Nha Trang und seitdem werden wir die beiden nicht mehr los. Sie mögen laut sein, ungeheure Mengen Dreck machen und viel Aufmerksamkeit fordern aber wenigstens waren sie billig und ein Ritt ist immer ein Spaß. Keine Sorge: Wir sind weder ins Kinderprostitutionsgeschäft eingestiegen, noch haben wir eine Vorliebe für ältere Damen entwickelt. Bei unserer jüngsten Anschaffung handelt es sich um zwei rote Minsk-Motorräder weißrussischen Fabrikats.

Betsy and Juanita

Warum nur?

Vietnam ist zweifellos eines der schönsten Länder, die wir je besucht haben. Die Leute sind mehr als freundlich, geradezu übereifrig um einen bemüht, das Essen ist köstlich und günstig, die Kultur ist durch die verschiedenen Volksstämme und den Kontrast zwischen asiatischer Tradition und sozialistischer Moderne ebenso faszinierend und divers wie Vietnams Landschaften. Der größte Teil Vietnams ist wahnsinnig lang und schmal, mit lebhaften Städten eingezwängt zwischen Meer und Bergen. Von einer zerklüftet felsigen Küstenstraße fährt man innerhalb von 50 km vorbei an gewaltigen Sanddünen, strahlend grünen Reisfeldern, urigem Dschungel ins Hochland, wo sich enge Serpentinen durch Ananasanbaugebiete schlängeln. Es gibt also reichlich zu sehen und die kleinen Bergstraßen entlang des Ho Chi Minh Pfades laden Biker geradezu zu actionreichem Downhillvergnügen ein.

Tägliche Lebensgefahr ist nicht so dein Ding? Landschaften betrachten kannst du auch von einem gemütlichen Reisebus aus? Klar! Doch dann wirst du dieses Land niemals kennenlernen. Eine weitere Besonderheit Vietnams ist nämlich, dass der Touri-Track hier sehr eng und mit Reisebussen leider nicht zu verlassen ist, da sie nun mal von Touriziel zu Touriziel fahren. 90% aller Reisenden verlassen niemals die fünf oder sechs Orte, in denen man sich hier als Tourist eben aufhält. Die mögen zwar (teilweise) ganz hübsch sein, haben mit dem eigentlichen Land allerdings wenig zu tun. Der einzige Weg, die Falle zu umgehen: Get your own transportation!

Das wurde uns schon geraten, bevor wir das Land überhaupt betreten hatten und die Notwendigkeit hat sich tatsächlich schnell gezeigt (spätestens nach Touridorf Nummer drei reicht es einem). Wieso nun aber gerade uralte Minsks? Nun, die haben gewisse Vorteile. Sie sind billig (Für beide zusammen haben wir etwa 250€ bezahlt), sie haben genug Kraft um einen über alle Berge, Baustellen und Dreckpisten des Landes zu ziehen und nicht zu vergessen: Sie sind unheimlich cool!

Der Haken

Der Grund warum diese wundervollen Schöpfungen so günstig zu erwerben sind, springt einem schnell in Form von Muttern und Schrauben ins Gesicht: Kein Tag ist in der letzten Woche vergangen, an dem nicht mindestens ein Teil an den Bikes kaputt gegangen oder abgefallen ist. Allein in den letzten zwei Tagen hatten wir Probleme mit beiden Kupplungen, beiden Getrieben, einen platten Reifen und Betsy ist sowohl eine Kette rausgesprungen, als auch eine andere gerissen, die wir bis jetzt nicht ersetzen können. Das macht die Weiterfahrt leider unmöglich.

Das kostet nicht nur Nerven, wenn auch reichlich davon, sondern auch Dong. Zugegeben: Mechaniker können sich hier von ihrem Lohn nicht gerade vergolden lassen. Ein oder zwei Euro die Stunde verkraftet auch das kleinste Budget hin und wieder. Jeden Tag für hunderttausende Dong Ersatzteile kaufen schlägt aber doch auf den von Geldkunst geschwächten Geldbeutel. Zumal schon alleine das Benzin beinahe doppelt so teuer ist wie Busfahren.

It´s not going to stop

In Zahlen ausgedrückt hat es also keinerlei Sinn, das Motorrad dem Bus vorzuziehen: Es mag cooler sein und einem das Land näher bringen, dafür ist es langsamer, stressiger, gefährlicher und teurer. Das haben auch wir mittlerweile erkannt und hatten schon beschlossen, unseren Weg nach Hanoi mit dem Zug fortzusetzen, um unsere Motorräder dort zu reparieren und zu verkaufen. Doch das Universum meinte es anders mit uns: Am Bahnhof Hue erfuhren wir nicht nur, dass ein Motorrad mit dem Zug zu transportieren länger dauert, als unser Visum gültig ist, sondern auch, dass es doch einen Mechaniker in der Stadt gibt, der Betsy wieder flott kriegt. Wir haben also keine Wahl. 650 Kilometer liegen vor uns, zu bewältigen in höchstens zwei Tagen, bevor unser Visum ausläuft. Die einzige Möglichkeit, ohne die Motorräder für einen Bruchteil ihres Wertes zu verscherbeln, ist sie den ganzen Weg zu fahren – auf Wohl oder Übel oder Tod und Verderben. Das ist die eigentliche Lehre, die wir aus unseren Motoerfahrungen gezogen haben; der wichtigste Faktor, den es vor der Kaufentscheidung abzuwägen gilt: Das Motorrad kostet dich nicht nur Geld, sondern deine Seele. Hast du es einmal, wirst du es nicht mehr los. The things we own end up owning us. Und so setzt sagesex seine schwierigste Mission fort …

Popularity: 17% [?]

18Mai

Eine Antwort zu “Stress and the art of Minsk maintenance”

  1. [...] at the Vietnamese border, looking at my toe. There was an incident on the way: My toe got between Betsy’s brake and the leg of a calf. Of course Betsy had no problem defeating the piece of cattle. Even my [...]

Gib eine Antwort