Siem Reap – Impressionen einer langen Nacht, oder die Ladyboy-diaries
Wir waren faul geworden. Die Hitze war zermürbend an diesen Tagen. Lethargie und Routine waren unsere Mittel, sie zu bekämpfen. Wir hingen auf unseren Matratzen unter einem Deckenventilator, lasen und tranken warmes Wasser. Dann hingen wir in Rattansesseln in der Rooftop-Bar unseres Guesthouses, lasen und tranken kaltes Bier. Es war schön in einem Land zu sein in dem man, anders als in Thailand, wieder günstig trinken konnte. Und bei 40°C und 50 Cent für ein kaltes Gezapftes in einer Bar, durch die hin und wieder ein frisches Lüftchen weht – wen stört es da schon, wenn es noch vor vier ist.
Wenn die Sonne im Westen tief stand, war es Zeit, sich aufzuraffen. Zeit für den täglichen Kulturkick. Mit einen “ratsch” lösten wir unsere festgeschwitzten Rücken aus den Sesseln. Im Gehen überlegten uns, welchen Tempel es heute zu besichtigen galt. Nur nicht zu weit vorausdenken. Mama hat gesagt, das tut weh. Ein TukTuk war in dieser Stadt von Nervensägen stets schnell gefunden. Aufbruch im Hellen, Rückkehr im Dunkel. Essen. Auch dafür sorgten die Marktschreier überall in der Stadt tüchtig. Sobald es dunkel wurde, erwachten auch sie. Zu den “TukTuk”-Rufen des Vor- und Nachmittags gesellten sich abends noch “You want to eat something?”, “You like massaaa?” und “Happy Au!”, stets begleitet von einem unterwürfigen “Sir”. Etwas später kamen noch die düsteren Gestalten hinzu, meist in Form von TukTuk-Fahrern, die “Mariuahana”, “Kok”, “Yaba – Meth”, Opium und “Lady Massaa BumBum” versprachen. Nach dem Essen war es an der Zeit festzustellen, dass die Temperatur auf eine angenehm erträgliche, vielleicht sogar mit zwei beginnende Zahl gesunken war. Das Nachtleben verpackte seine Willkommensrufe in kleine kühle Brisen.
Zuerst war es allerdings Zeit, sich den Schweiß des Tages abzuwaschen und sich eine Hose mit zwei ganzen Beinen anzuziehen. Das war der Zeitpunkt an dem man unserem Hippienachbarn über den Weg laufen konnte. Nicht, dass das tagsüber, auf der Veranda, die wir uns teilten, nicht hätte passieren können. Hier saß er nämlich stundenlang und spielte zauberhaft auf unserer Gitarre, ohne Noten oder Akkorde zu kennen. In dieser Trance war er aber kaum ansprechbar. Abends allerdings bedeutete ein Aufeinandertreffen routinegemäß, dass ein Joint geraucht werden musste. Nicht so schlimm, es war sowieso Zeit für ein obligatorisches Bier in der kühlenden Bar auf dem Dach. Vielleicht schloss sich uns ja auch noch jemand an. Nur nicht zu lange bleiben, nicht von Gras und Gemütlichkeit verschlucken lassen.
Auf. Auf in die Pub Street. Warum genau das so heißt, weiß ich nicht; schließlich gibt es hier eigentlich nur überteuerte Restaurants. Naja, das eine oder andere sah doch ganz barartig aus, aus einem Lokal wummerten sogar Bässe und Lichteffekte. Drinnen tanzten Leute auf einer kleinen Tanzfläche. Hauptsächlich Weiße, wie überall in der Pub Street. Hohe Preise, snobbiges Publikum. Nicht unbedingt mein Lieblingsladen. Doch mindestens drei Khmermädchen gab es hier auch. Ziemlich hübsche sogar. Und zack! Hing eine Stefan am Arm. Eine Minute später hatte ich auch eine. Irgendetwas störte mich daran. Es ging zu schnell. Wie Raubtiere jagen Männer für gewöhnlich ihre Beute. Wirft man ihm Nahrung einfach so vor, wird ein Tier die Angst verspüren, es sei verdorben oder vergiftet. Es muss zappeln! Stefan ignorierte den Instinkt. Ich konnte das nicht. Zeit für einen Standortwechsel.
Zuerst war ich noch neidisch auf die Trophäe, die Stefan da an der Hand hatte. Dann stellte ich fest, dass sie kein Wort englisch sprach. Mein Nuttenalarm schlug 13. Mein Neid war dahin, eine eigenartige Zufriedenheit überkam mich. Die Welt und ihre Bewohner waren meine Freunde. Ja, sogar die Marktschreier waren meine Freunde und alle sollten zu meiner Feier eingeladen sein. So kam Stefan in den nächsten Club, dem Hip Hop, mit einem hübschen Mädchen an der Hand; ich dagegen mit einem bettelndem Kind auf dem Arm, einem Ladyboy-Stricher auf dem Rücken und einem Gefolge von TukTuk-Fahrern hinter uns. Das Kind hatte mich am Arm gezogen, der Ladyboy mich einfach angesprungen und als ich die beiden nicht mehr losgeworden bin, dachte ich, kann ich die TukTuk-Fahrer auch noch einladen. Wie gesagt, eine Stadt voll mit Nervensägen.
Während in der Pub Street die Weißen zu Hause waren, gab es im Hip Hop nur junge Khmer. Mit stündlichen, abrupten Wechseln wurden hier dröhnende Technobeats, Dancehall und schmalziger Khmerpop aufgelegt. Khmerclubs haben für einen Mann aus dem Westen drei unverwechselbare Eigenschaften: Erstens ist er mit Sicherheit der größte auf der Tanzfläche. Zweitens werden alle Khmermädchen, die er auch nur anlächelt, schreien und vermutlich davonlaufen. Sollten sie das nicht tun, ist Vorsicht geboten, was uns zu drittens führt. Der einzig sichere Weg um herauszufinden, ob ein Mädchen ein Ladyboy ist oder nicht, ist oft die Herrentoilette aufzusuchen und den kichernden, Lidschatten-nachziehenden Pulk vor dem Spiegel genauer zu untersuchen. Der, der sich jedes mal, wenn jemand das Pissoir benutzt, verstohlen hinüberbeugt. Nein, das ist auf Dauer auch keine Art den Abend zu verbringen.
Meine neuen Freunde hatten sich schon wieder zerstreut und nichts als den Gesprächseinstieg “Have you seen my friends? They are a TukTuk driver, a kid and a ladyboy” hinterlassen. Stefan hatte seine Begleitung auch ziehen lassen als sie Geld sehen wollte. Uns hielt hier nichts mehr, also auf und davon. Es war schon spät. Außer dem Hip Hop gab es in der Umgebung nicht mehr viele Läden, die spät gut besucht waren. Laut Reiseführer gab es da ein Stück weg eine gewisse Laundrybar. Das hatte ich allerdings schon einmal ausprobiert. Auf dem Weg dorthin wurde ich beinahe von einem anhänglichen Ladyboy bestohlen und von einem Motofahrer übers Ohr gehauen, nur um dann mit ihm und einem Polizisten vor der Bar zu rauchen und khmer zu lernen, weil die Gesellschaft der beiden mir immer noch lieber war als die drei dicken alten Europäer mit überschminkten jungen Khmermädchen da drinnen. Nein, heute nicht. Also zurück in die Pub Street.
Hier fanden wir tatsächlich noch eine gut besuchte, günstige und witzige Bar. Im Angkor What? war es dunkel, laut und auf den T-Shirts der Bedienungen stand unter dem Bar-Logo “Promoting irresponsible drinking since 1998”. Das ist nicht gelogen: So ein gutes Stück erhält man umsonst, wenn man zwei Cocktailpitcher oder Longdrinkbuckets bestellt. Klar – wir brauchten zwei davon! Wir schafften es auch tatsächlich, uns zwei Shirts zu ersaufen. Sie dann nicht wieder zu verlieren gestaltete sich allerdings als weit schwierigere Aufgabe. Vier Schnapseimer und einige belanglose Bargespräche später krochen wir also mit nur noch einer Siegestrophäe aus der Bar. Ab hier verschwimmen meine Erinnerungen.
An den Essenständen gab es bekannte Gesichter, das weiß ich noch. Unser Lieblingstuktukfahrer schlief in seinem TukTuk mitten auf der Straße. Schreiende Kellnerinnen, die uns alle schon kannten. Der Ladyboy und das bettelnde Kind. Doch wieso wir plötzlich ein dreiköpfiges Nuttengespann, inklusive einem Ladyboy natürlich, dabei hatten, das weiß ich nicht mehr. Ebenso weiß ich nicht mehr, wie Stefan die Nuttenszene vom Anfang des Abends mit der einzig attraktiven und mit Sicherheit weiblichen aus unserem Gefolge exakt wiederholte, oder wie ich bis zum Morgen in voller Montur auf den Boden neben meiner Matratze gekommen bin. Alles Firlefanz. Interessieren würde mich allerdings ob der flüchtige Gedanke, ich hätte mich vor den beiden Nutten entblößt, um meine schiere Unerregtheit zu demonstrieren auf Tatsachen beruht, oder einem Traum entsprungen ist. Und wenn das wahr ist, hat es tatsächlich dazu geführt, dass ich einen Adamsapfel von innen gespürt habe? Wir werden es wohl nie erfahren.
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