Wie ich fuer einen Tag zwischen den Grenzen gefangen war

Geschrieben von julian am 29. Mai 2010

This is no international harbor

hatte der Grenzpolizist gesagt, als die Welt das letzte mal im Nebel versank. Kein Hafen also – das konnte ich mir vorstellen. Schliesslich war ich gerade 100km ueber Dorfstraesschen landeinwaerts gefahren und dann 20 gottverlassene Kilometer Serpentinen bis hinauf in die grauen Wolken, die an mir kondensierten und mich so vollkommen durchtraenkten. Die Polizisten schienen sich ueber etwas Gesellschaft zu freuen am Ende der Welt zu freuen. So blieb ich noch auf eine Tasse Tee, bevor ich mich zur naechsten Grenze aufmachte, die laut dem detaillierten Lageplan des Polizisten 100km entfernt lag. Es war spaet. Also fuhr ich viel zu schnell fuer die fuenf Meter Sichtweite, die mir der Nebel liess.

Mist at the Vietnamese-Laotian Border

Jetzt sitze ich am vietnamesischen Grenzposten und betrachte meinen Zeh. Unterwegs gab es einen Zwischenfall: Mein Zeh geriet zwischen Betsys Bremspedal und den Schenkel eines Kalbs. Natuerlich gewann Betsy locker gegen das Rindvieh. Sogar mein Zeh sieht noch ganz aus. Sowas passiert eben, wenn man es zu eilig hat. Der kondensierte Nebel hilft ihn kuehlen.

Ich sitze hier schon seit einer halben Stunde. Ich warte. Nicht, dass ich eine vernuenftige Wahl haette: Die einzige Person im Raum machte durch Gesten sehr deutlich, dass mein Begehr nicht ihre Zustaendigkeit ist. Ihr oder sonst irgendwem hier auf die Nerven zu fallen faellt sowieso flach: Mein Visum ist schon seit zwei Tagen abgelaufen. Wenn irgendjemand hier schlecht gelaunt ist, muss ich dafuer nachzahlen – und zwar deftig! Und mein Geld ist sowieso schon zu wenig fuer das Visum fuer Laos. Einfach durchgehen ist auch nicht: Durch den Nebel kann ich nicht sehen, ob es einen Kontrollposten gibt. Ausserdem sind die Spaetfolgen nicht abzusehen. Damit ist die Liste der Dinge, die ich tun kann fuer den Moment auch erschoepft. Also warte ich.

Schliesslich kommt ein Polizist vorbei. Er ist wohl auch nicht fuer mein Problem zustaendig, spricht aber etwas englisch. Ich mache ihm ein Kompliment zu seiner Uniform, die ihm ausgezeichnet steht, zeige ihm meinen Pass. Augenblicklich geht er, tritt er seinen Untergebenen wach und schaut ihm ganz genau auf die Finger, als dieser seinen Stempel in meinen Pass macht. Schritt eins geschafft: Ich bin mit ueberzogenem Visum aus Vietnam ausgereist.

I don’t know

hatte der laotische Grenzbeamte gesagt, als ich ihm meine letzten 300000 Dong praesentierte – etwa die Haelfte der Visakosten in der falschen Waehrung. Es gab die letzten 200 Kilometer keinen Geldautomaten, der mir Bargeld geben wollte und der naechste ist 400 Kilometer entfernt. Dann ging der Beamte in die Wachhuette, aus der jetzt regelmaessig Gelaechter droehnt. Ich sitze schon seit einer halben Stunde im Nebel und rauche Zigaretten. Die Grenzpolizei spielt Boule.

Der Beamte kommt aus der Huette. Er will mich nach Vietnam zurueckschicken. Weder will, noch kann ich zurueck: Mein Visum ist abgelaufen. Genauso wenig, wie ich nach Laos kann: Der Beamte laesst nicht mit sich verhandeln. Ich bin gefangen zwischen zwei Grenzen.

Ich setze mich und warte. Dabei stelle ich aufmerksam wie ich eben bin fest, dass die Ruecklichter eines Autos, das die Grenze passiert, im Nebel verschwinden ohne noch einmal anzuhalten. Also kein Kontrollposten. Das gibt mir eine neue Moeglichkeit: Ich kann einfach durchgehen. Niemand ist mehr auf seinem Posten und die Wartehalle an beiden Enden offen. Betsy muesste ich allerdings zuruecklassen und wer weiss wann das Fehlen des Visums zum Problem wird – erst bei der Ausreise oder schon in der ersten Herberge? Ganz zu schweigen von der Gefahr gesehen zu werden. Ich behalte das im Hinterkopf und warte weiter.

Ein Grenzpolizist kommt zu mir herueber. Er strahlt mich an. “You sleep here? Have dinner?” In der Wachhuette wird deftig gegessen und kraeftig gezecht.  Klebreis, Gemuese, Fleisch, Fisch und Suppe. Dazu reichlich BeerLao. Ich hole die Gitarre hervor und bringe die Party zum brodenln. Acht laotische Grenzpolizisten jubeln mir zu, wie ich “I will survive” groele. Am Ende des Abends bin ich zu ihrem Mundschenk aufgestiegen. Ich fuelle die Glaeser reichlich. Wir liegen uns zu schmalzigem Thaipop in den Armen. Nun bombardiert mich das Universum geradezu mit neuen Moeglichkeiten: Alle Wachen sind betrunken. Es waere ein leichtes meine Sachen zu packen und loszumarschieren. Noch besser: Einen von ihnen habe ich Verhandlungen ueber den Preis fuer mein Motorrad und meine Gitarre verwickelt. Ich bin immerhin schon bei der Haelfte meines Wunschpreises. Das ist mir alles noch nicht gut genug. Ich beschliesse weiter zu warten, lege mich auf eine Bank in der Wartehalle schlafen.

Singing and drinking with the Laotian border police

No Cannot

hatte die Frau hinterm Thresen gesagt. Also setze ich mich zu den anderen Wartenden und stinke. So sehr, dass ich bemerke, dass der Geschaeftsmann neben mir normal riecht. Die Bank ist selbst schuld, wenn sie moechte, dass man am Eingang seine Schuhe auszieht. Eine Dusche waere fuer die Morgentoilette auch zuviel verlangt gewesen. Triefend nass bin ich sowieso noch vom Nebel. Die ersten Reisenden waren auch so schon verwundert genug, dass sie ein Weisser in Unterhosen und mit Zahnbuerste im Mund an der Grenze empfaengt und bettelt. Den Morgen verbrachte ich auf Betsy, ein Schild mit der Aufschrift ” I’m stuck! Please donate for my visa! Moto for sale!” in der Hand. Mein Motorrad haette mir nicht die gewuenschte Summe eingebracht und Spenden wollte niemand. Das lag, wie mir zwei hollaendische Freunde, die ich in Hanoi kennengelernt hatte, unter anderem daran, dass alle das gleiche Problem hatten. Niemand nahm mehr Geld mit, als fuer das Visum noetig, um Verluste beim Geld umtauschen zu vermeiden. Nun hatten aber die Laoten fuer viele Nationalitaeten kuerzlich die Preise erhoeht und die Vietnamesen fordern einen Dollar “Stempelgebuehr”. So hatte quasi jeder einen bis sechs Dollar zu wenig.

Begging at the Border

Meine neuen Verbuendeten von der Grenzpolizei halfen mir schliesslich, bei meiner Belagerung zu siegen. Oder zumindest einen Kompromiss zu finden. Sie gaben den Stemplern das OK; so konnte ich meinen Pass deponieren und in die naechste Stadt (30km) zu einer Bank fahren. Einen Geldautomaten gibt es zwar nicht, aber die drei Dollar Abhebegebuehr sind ein laecherlicher Verlust dagegen, mein Motorrad fuer die Haelfte seines Wertes zu versetzen.

Jetzt tut sich mir wieder ein verzwicktes Problem auf: Ohne Geld kann ich meinen Pass nicht einloesen. Ohne Pass kann ich allerdings kein Geld holen. Also sitze ich triefend in der Bank, stinke und bin ratlos. Ich schnappe mir das Handy des Geschaeftsmannes und rufe zwei Mal bei der Grenze an. Zwei Mal erklaere ich mein Problem. Ich bin unsicher, ob der Mann am andern Ende ueberhaupt versteht, was ich will. Das einzige, das zurueckkommt ist “one moment”, ein Klick und das Freizeichen.

Also was tun?  Zur Grenze zurueckfahren? Dann muesste ich zweimal hin und her. Einmal um meinen Pass zu holen und einmal um ihnen das Geld zu bringen. 120 Kilometer. Das bedeutet zwei Stunden Fahrerei. Benzin habe ich auch kaum mehr. Noch einmal anrufen? Klar…Weisst du was Wahnsinn ist? Wenn man immer wieder das selbe tut, aber einen anderen Ausgang erwartet. Und nein, ich werde weder die Bank ausrauben, noch ein weiteres mal fragen ob es nicht auch ohne Pass geht. Die Nerven der Frau hinterm Thresen habe ich schon genug strapaziert. Schliesslich soll sie mir ja helfen. Mal wieder hilft nur warten. Und tatsaechlich: 20 Minuten spaeter ruft mich die Frau hinterm Thresen: “Sir! Please wait! They bring here!”

Knapp 24 Stunden nachdem ich das erste mal an der vietnamesisch-laotischen Grenze stand, ist es also vollbracht. Ich stehe mit Betsy auf der laotischen Seite, ein wunderschoenes, frisch glaenzendes Visum in meinem Pass. Jetzt bietet der Geldwechsler mir schon zwei Drittel meines ehemaligen Wunschpreises fuer Betsy. Doch das Blatt hat sich gewendet. Der Preis ist soeben um 50% gestiegen.

Ich will gerade mein Laos-Abenteuer beginnen, da bricht ein Platzregen los. Einmal mehr warte ich an der Grenze. Das Unwetter zieht davon; ich fahre los. Diesmal habe ich zu kurz gewartet. Ich ueberhole die Wolken und werde furchtbar nass. Mal wieder. Jetzt halte ich trotzdem nicht mehr an – das bisschen trockner waer das warten nicht wert.

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29Mai

6 Antworten zu “Wie ich fuer einen Tag zwischen den Grenzen gefangen war”

  1. bro sagt:

    almost sounds as the brothers had separated…

  2. Schmiedl sagt:

    allerdings – oder das ist der neue Schreibstil es geht ja hier nicht um Gewschwister sondern um Sagesex ;)

    hübsche Gitarre xD

  3. Hofmaier-Landrut sagt:

    Or maybe “Betsy” is simply Stefan!
    The hierarchy has changed and now Julian turns out to be a cruel & heartless tyran, putting his own brother down by calling him “Betsy” and, even worse: selling him (or her) for little money!

  4. Mutti sagt:

    Hey, wie siehst du wieder aus?! Auch wenn der große Bruder nicht da ist, musst du dir die Füße waschen.

  5. Mutti sagt:

    Großartig geschrieben! Man möchte nicht glauben, dass der Clochard mit den traurigen Augen auf Betsy der Autor dieser Zeilen ist. Lebt denn dein Bruder noch? Oder ist er wirklich zu diesem “Moto” mutiert?

  6. [...] is like a road in the mist. You never know what’s waiting for you. At crossroads signs tell you nothing but names, [...]

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