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Ruff Ryders’ Anthem – Wie wir in 10 Tagen in Vietnam fiese Biker wurden

Geschrieben von stefan am 21. Mai 2010

In Vietnam fragen Tourguides mit dicken Harleys Touristen ständig “You want Easy Rider?”. Easy Rider am Arsch. Eine Ode an das dreckige Gefühl der Ruff Ryder. Bitte genießen Sie zur Einstimmung auf den folgenden Text diese epische Meditation über die Männlichkeit des großen amerikanischen Meisters der Empfindsamkeit, DMX:

Ich habe Motorradfahrer nie verstanden. Ich hielt es immer für teuren, gefährlichen, pseudomännlichen Unsinn. In der Tat: Es ist teuer. In Vietnam nicht so teuer wie anderswo, aber trotzdem. Es ist gefährlich. In Vietnam noch viel mehr als irgendwo sonst. Aber wenn Du nicht nur ein reicher alter Mann auf dem Rücksitz einer Harley bist, wenn Du selber Deine Minsk durch ganz Vietnam quälst, ist es nicht pseudo. Es ist männlich. Es ist hart. Es ist schnell. Es ist dreckig. Es ist frustrierend. Es ist geil. Und Unsinn.

Als wir uns die beiden Minsks in Nha Trang kauften, hatte ich romantische Vorstellungen a la Zen and the Art of Motorcycle Maintenance. Na klar, die Motorräder waren alt und fehlerhaft, aber wir hatten das Maintenaince Manual, alles frisch reparieren lassen was wir in unserer Naivität finden konnten, und die Vorstellung, wir könnten ja bei einer so einfachen Maschine nacheinander alle Fehlerquellen auseinandernehmen, perfektionieren, und wieder zusammensetzen. So lange, bis die Räder so gut wie neu wären.

In Wirklichkeit ist das Bikerleben in Vietnam mit einer Minsk ein Albtraum. Allerdings ein geiler, adrenalingeladener Albtraum. Ich habe noch nie so viel geflucht wie in den ersten Tagen mit unseren Bikes. Wir konnten keine 30 km fahren, ohne daß irgendwas kaputtging. Ständig blieb eins der Dinger liegen. Das ganze immer in unerträglicher Hitze und tödlicher Sonne, die einen binnen kürzester Zeit völlig verbrennt, selbst wenn mal alles gut läuft. Jedes Mal, wenn wir wieder Hunderttausende Dong in eine völlige Neuüberholung so wichtiger Dinge wie Getriebe und Kupplung investiert hatten, in dem Gefühl jetzt wird alles gut, standen wir kurze Zeit später wieder am Straßenrand. Die Tricks des Mechanikers hatten irgendeinen unangenehmen Nebeneffekt, er hatte einfach nichts getan, oder es gab eben eine neue Fehlerquelle. Irgendwann gibt man den Glauben auf, man könnte den Zustand der Maschine durch Pflege verbessern. Kott sei Dank, daß es es in Vietnam nicht nur wunderschöne Landschaften gibt, sondern vor allem alle 50 m eine Gara(ge). Wenn auch die Kompetenz der Meisten über Zündkerzenwechseln kaum hinausgeht, und einen alle für bescheuert halten.

Jedoch bereits nach den ersten Tagen stellt sich auch eine äußerst befriedigende Gefühlsmischung aus körperlicher Erschöpfung (schon mal ein 200kg-Bike fünfzig mal am Tag angelaufen, weil der Starter durchgetreten ist?) und Selbstbehauptung ein. Es ist schön wie Krieg. Wieder ein Tag überlebt. Völlig am Ende, aber froh. Ein ähnliches Gefühl wie nach dem Fallschirmspringen oder Surfen in potentiell tödlichen Bedingungen. Nur dreckiger, verschwitzter, verbrannter, und mit unglaublich schmerzendem Arsch. Eine Art widerliche Katharsis.

dirtyhero

Während des Aktes selbst (wenn man mal fährt) kann es sich sehr verschieden anfühlen. Es kann einfach nur langweilig, laut und anstrengend sein, wenn man unbedingt 300 km an einem Tag zurücklegen muß. Mehr als 50 km/h schafft man nämlich im Schnitt kaum. Als besonders ungünstig hat sich der Versuch rausgestellt, dabei Musik zu hören. Dabei kriegt man weder von der Landschaft noch von der Musik etwas mit und ist hinterher einfach nur taub. Wenn man sich aber ganz im Moment aufhält, ist es tatsächlich oft sehr intensiv: Die Beschleunigung, die Kurven, die Landschaft, der Lärm, das Gefühl der eigenen Wirksamkeit und Kraft. Besonders geil in den Bergen (Serpentinen runterbrettern) und in tödlichem Verkehr auf Dreckpisten: Um sich hier in Staub und Hitze zwischen Bussen und LKWs über riesige Schlaglöcher durchzuzwängen und langsam aber sicher jeden auf der Straße zu überholen, mußt Du einfach völlig im Moment sein. Sonst bist Du mit Sicherheit tot, wenn mal wieder ein entgegenkommender Bus einen LKW überholt und dabei Deine Spur mit vollem Tempo ausfüllt, wo Du gerade voll beschleunigt hattest, um endlich selbst jemanden zu überholen. Der Bus hupt entsetzlich laut und gibt noch etwas Lichthupe dazu, denkt aber nicht dran, langsamer zu werden oder auszuweichen (wohin auch?), so daß nur noch eine Vollbremsung und Ausweichen in den Dreck neben der “Straße” hilft. Wenn da nicht gerade ein Fahrrad auf Deiner Seite entgegenkommt. Ja, Reaktion ist König. Das erfordert eben volle Aufmerksamkeit. Flow. Im Augenblick aufgehen. Ein geiles Gefühl.

Allerdings ist das Bikerleben ist wirklich sehr fordernd. Wenn Du um sieben aufgestanden bist, Dich 9 Stunden durch Hitze und Staub und Verderben gekämpft hast, und tatsächlich einmal 300km geschafft, dann sind so Dinge wie Essen, Duschen und Schlafen erstmal wichtiger als noch einen Artikel schreiben. Fundamental inkompatibel mit einem Leben als digitaler Bohemien. Ich kann es kaum erwarten, die Todesbikes endlich zu verkaufen, und wieder lange Busfahrten mit Klimaanlage, Lesen und Schreiben zu genießen. Nicht jeden Tag widerlich dreckig sein. Nicht völlig verbrannt. Aber ich bin froh, diese extreme Erfahrung gemacht zu haben, und irgendwie komme ich auch nicht los von Betsy und Juanita. Ich würde Ihr herrliches Zweitaktröhren vermissen. Jetzt kann ich die Biker verstehen. Sie sind Idioten, aber ich bin einer von ihnen.

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21Mai

6 Antworten zu “Ruff Ryders’ Anthem – Wie wir in 10 Tagen in Vietnam fiese Biker wurden”

  1. Joe sagt:

    Also wenn ihr schon sagst dass es hart sein soll muss es echt die Hölle gewesen sein :)
    ..aber wieso zum Teufel hat Stefan eigentlich Plastiksackschuhe an?

  2. admin sagt:

    Das sind keine Plastiksackschuhe, das ist meine extra lange, ehemals blütenweiße 90er-Jahre Raverhose, die jetzt eine widerliche Bikerschmierfettabstreifhose geworden ist.

  3. Joe sagt:

    hihimuhahaha alles klar ^^ sieht trotzdem aus wie Müllbeutel :P

  4. Thomas S. sagt:

    Hi Bikers, als ehemalger Avtowelo-Biker (AWO425) kann ich Eure Gefühle voll verstehen. Ein 150kg Ungetüm von Niemegk (A9) nach Belzig zu schieben, weil die Gurke verreckt ist, macht einen ganzen Kerl aus einem….

  5. Schmiedl sagt:

    hihi hübsche hose – ausdrucksvolles gesicht xD erinnert mich an Heldensagen wie Herkules?!

  6. Schmiedl sagt:

    achja – Video ist in Deutschland anscheinend nicht verfügbar … grml

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